Zwischen Posen und der Ostsee, irgendwo versteckt in den Kiefernwäldern am Ufer eines Sees, steht ein wunderschönes Chalet, umgeben von einigen Nebengebäuden. Willkommen im „Karpniki“ bei Familie Sloniewski.
Barbara Sloniewska, eine ehemalige Lehrerin für Umweltschutz am Technischen Gymnasium in Gniezno, ist eine vornehme und gebildete Frau. Stets darauf bedacht, dass alles reibungslos abläuft, begegnet sie ihren Gästen immer mit großer Herzlichkeit.
Im Jahr 1994 beschlossen sie und ihr Mann, in den Agrotourismus einzusteigen. Sie erbauten ein wunderschönes Chalet, das etwa zehn Gäste beherbergen kann. Angeboten wird Vollpension mit regionalen Spezialitäten und frischen Produkten aus dem eigenen Garten, der direkt vor unserem Zimmer liegt.
Die meisten Gäste sind Polen, die zum Angeln, Pilzesammeln, Wandern oder einfach nur zur Erholung anreisen. Die Mahlzeiten nimmt man gemeinsam an einem großen Tisch in sehr entspannter Atmosphäre ein. Die Einrichtung ist schlicht und der Kontakt herzlich und direkt – man fühlt sich eher wie bei Freunden als wie ein zahlender Kunde.
Es fällt mir ein wenig schwer, an den Gesprächen teilzunehmen, da sich mein Polnisch auf ein paar wenige Floskeln wie „dziękuję, dzień dobry, do widzenia, dobranoc, jak się panienka czuje“ und natürlich „smacznego“ beschränkt.
Agnieszka, die mit einem leichten slawischen Akzent fast perfekt Französisch spricht, übersetzt mir hin und wieder einige Sätze, damit ich dem Gespräch zumindest in etwa folgen kann. Aber mein Gott, wie kompliziert ist die polnische Sprache für jemanden mit belgisch-französisch-griechischen Wurzeln!
Ihre 65 Jahre hindern die Gastgeberin nicht daran, große Zukunftspläne für ihr „Dom Gościnny“ (Gästehaus) zu schmieden: die Vergrößerung des Speisesaals, neue Zimmer, schöne Boxen für die Pferde und vieles mehr.
Sie erzählt uns, dass ihr Gästehaus für die Region etwas teurer sei; angesichts der äußerst reichhaltigen Mahlzeiten und der wunderbaren Umgebung erscheinen mir die Preise jedoch sehr fair. Die deutschen Nachbarn, die über eine deutlich höhere Kaufkraft verfügen, kommen oft übers Wochenende. Sie zahlen stets bar, sprechen aber auch nicht mehr Polnisch als ich.
Im Gegenzug für unseren Aufenthalt hier werden im nächsten Jahr ihre Tochter und deren Mann uns besuchen. In der Zwischenzeit zeige ich auf meinem Laptop Fotos von L'Etoile und der Umgebung. Ein Frankreich, das noch vor einigen Jahren so fern schien, ist durch den Beitritt Polens zur Europäischen Union spürbar näher und greifbarer geworden.
Der Himmel ist strahlend blau – wie immer, wenn ich in Polen bin. Der Wind weht allerdings kalt, ja geradezu eisig; vielleicht kommt er direkt aus Sibirien? Die Natur ist hier noch völlig unberührt, in den Seen wimmelt es von Fischen und in den Wäldern herrscht eine wunderbare Stille, die zu einem ausgedehnten Mittagsschlaf einlädt.
In diesen riesigen Kiefern- und Birkenwäldern haben sich schon so manche Pilzesammler verirrt. Auf einer Waldfläche von 60.000 Quadratkilometern gibt es nur hin und wieder einen Holzfällerweg und einige wenige, isoliert lebende Bewohner wie im „Karpniki“. Herr Bogdan Sloniewski hat uns übrigens im kleinen Dorf Kwiejce abgeholt. Von dort aus fuhren wir über einen unbefestigten Weg geradewegs in ihr kleines Paradies.
Morgen früh muss ich zeitig aufstehen, um zwei Angler aus Gliwice im Süden des Landes zu begleiten. Sie kommen jedes Jahr hierher und haben ihre festen Gewohnheiten. Es sind wohlhabend wirkende Geschäftsleute, die hier den Duft ihrer Wurzeln und ein paar ruhige Momente fernab des Alltags suchen.
Das schwere eiserne Boot lässt sich nur schwer steuern; die Strömung, die zur leicht geöffneten Schleuse zieht, und eine lange Stange als einziges Fortbewegungsmittel ermüden unseren städtischen Angler rasch. Er hat sichtlich Mühe, das offene Gewässer zu erreichen. Angeln war zwar noch nie mein Ding, aber ich muss zugeben: In so guter Gesellschaft und an diesem herrlich sonnigen Herbsttag genieße ich es in vollen Zügen, mich in ihr kleines Paradies entführen zu lassen.
Die Tauben gurren, die Hunde dösen ruhig vor sich hin und die Pferde weiden friedlich auf der Koppel. Polen scheint sich von den langen, schwierigen Jahren seiner Geschichte zu erholen. Der kleine Dorfladen ist noch ein stummer Zeuge aus der kommunistischen Zeit, als man stundenlang Schlange stand, nur um am Ende zwei Bananen und etwas minderwertiges Brot untereinander aufzuteilen. „Ja, in Polen atmen wir jetzt auf!“, sagt Agnieszka, die selbst erst 26 Jahre alt ist. Man kann nun weiter in die Zukunft blicken als nur bis zum heutigen Tag oder höchstens bis morgen...
Es ist bereits das zweite Mal, dass ich dieses schöne Land besuche, und ich fühle mich hier unheimlich wohl. Die Menschen sind freundlich, spontan und voller Tatendrang! Die Europäische Gemeinschaft hat sich am 1. Mai 2004 zweifellos bereichert!
Karpniki, Gästehaus, Barbara & Bogdan Sloniewscy, Kwiejce 35, Chelst - Karte 