Ähnlich wie Bourg-Saint-Maurice in den Alpen ist Revelstoke von schneebedeckten Bergen und ausgedehnten Nationalparks umgeben. Der mächtige Columbia River, die berühmte Transkanadische Eisenbahn und unzählige Güterzüge durchqueren die kleine Stadt sanft. Revelstoke befindet sich derzeit außerhalb der touristischen Hochsaison, die ohnehin nur drei bis vier Monate im Sommer andauert.
Das Wetter und die unberührte Natur laden hier dennoch zum Wandern und zu vielen anderen sportlichen oder entspannenden Aktivitäten ein. Der Mount-Revelstoke-Nationalpark, der zum UNESCO-Weltnaturerbe gehört, ist die Heimat einer Vielzahl von Säugetieren – darunter Grizzlybären, Schwarzbären, Elche, Luchse, Maultierhirsche und Biber.
Vor einem kleinen, grünen Holzhaus begrüßt uns eine hübsche, blonde Dame mit einem breiten Lächeln: Es ist Gundy Baty, die herzliche Besitzerin des Green Gables Loft B&B. Das Haus ist bis ins kleinste Detail mit enorm viel Geschmack dekoriert. Gundy hat diesem Ort eine wirklich einzigartige Note verliehen. Die filigranen dekorativen Malereien auf den Schränken und an den Dachgiebeln wecken Assoziationen an Osteuropa.
Die aus Bayern stammende Gundy hat einen langen und bewegten Lebensweg hinter sich, bevor sie hier in den Rockies landete: Sie war Deutschlehrerin in Bordeaux, leitete ein Juweliergeschäft in Toronto, arbeitete aber auch als Reisebürokauffrau, Haushaltshilfe und vieles mehr. Sie hat zwei adoptierte Kinder, die mittlerweile an der Universität in Toronto studieren: Robert, der ursprünglich von den Seychellen stammt, und Vincent aus Kolumbien. Deutschland vermisst sie nicht allzu sehr, dafür aber ein wenig Frankreich, das sie sehr gut kennt und liebt.
Von Apfelstrudel über cremige Kürbissuppe bis hin zu Sauerkraut und selbstgemachten Marmeladen – Gundy kocht absolut leidenschaftlich. Trotz der vielen Arbeit und der täglichen Herausforderungen, die ein solches Geschäft mit sich bringt, ist sie herrlich spontan geblieben und widmet ihren Gästen stets besondere Aufmerksamkeit.
Die Betreiber von Bed & Breakfasts sind oft ganz besondere Menschen, die auf diese Weise versuchen, sich selbst zu verwirklichen oder einen Lebenstraum zu erfüllen. Manchmal holt sie jedoch die Realität ein, und der geschäftliche Aspekt rückt in den Hintergrund. Es ist die ständige Kunst, mit den Füßen fest auf dem Boden zu stehen, während man den Kopf in den Wolken behält...
Der mächtige Columbia River wird auf seinem Weg regelmäßig durch riesige Staudämme unterbrochen. Der Fluss, der als gewaltige Wasserreserve für Metropolen wie Portland und Seattle dient, ist hier so breit, dass man sich eher wie an einem See fühlt. Die kleine Fähre benötigt ganze 25 Minuten für die Überfahrt. Uns bietet sich eine geradezu märchenhafte Landschaft aus tiefblauem Wasser, dichten Wäldern und schneebedeckten Berggipfeln. Trotz des späten Oktobers tragen die Bäume noch immer ihr Laub in den leuchtendsten Farben: von tiefem Rot über warmes Ocker bis hin zu hellen Grüntönen.
Direkt am Ufer des Flusses, nur wenige Autominuten von Nakusp entfernt, befindet sich das "Halcyon Hot Springs Hotel", ein charmantes kleines Thermalbad. Das mineralhaltige, kalkreiche Wasser sprudelt hier mit über 50 °C aus der Erde. Das Halcyon, ein beeindruckendes Gebäude aus massiven Holzstämmen, bietet seinen Besuchern drei verschiedene Becken: eines mit wohlig warmen 38 °C, ein weiteres mit heißen 42 °C und ein kleines, erfrischendes Tauchbecken mit 12 °C. Von den Becken aus genießt man einen atemberaubenden, unverbauten Blick auf den Columbia River (der in diesem Flussabschnitt Upper Arrow Lake genannt wird) und die majestätischen Berge am gegenüberliegenden Ufer. Das gesamte Land wurde 1890 von Kapitän Robert Sanderson direkt von der britischen Krone erworben. Nach dem Bau des Hotels entwickelte sich Halcyon Hot Springs bis 1955 regelrecht zum „Deauville der Region", bevor ein tragischer Brand das gesamte Hauptgebäude zerstörte. Dieser magische Ort der vollkommenen Entspannung in einer solch einzigartigen natürlichen Umgebung gehört zu den wahren Freuden einer jeden Kanadareise.
Die Geschichte des Mount-Revelstoke-Nationalparks
Der Wanderweg führt uns zunächst durch feuchte, dichte Wälder, geht dann allmählich in subalpine Wälder über und endet schließlich bei den lichten Baumgruppen der alpinen Wiesen. Im Juli und August sind diese weiten Wiesen geradezu übersät mit bunten Wildblumen. Klettert man noch weiter nach oben, erreicht man die kargen, schroffen Landschaften der alpinen Zone, die mit kleinen Bergseen und natürlichen Trinkstellen für die lokale Tierwelt durchzogen sind. Im Winter verschwinden die Berge und Täler unter einer gewaltigen, dicken Schneeschicht. Diese immense Schneedecke prägt die Entwicklung und die Lebensweise der Tiere und Pflanzen im Mount-Revelstoke-Nationalpark nachhaltig.
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Die neue internationale Familie der Gastwirte
Mit zunehmendem Alter vermissen wir manchmal die Zeiten, in denen der familiäre Zusammenhalt noch im Mittelpunkt stand. Die Familie gab uns ein tiefes Gefühl von Sicherheit. Ich gehöre zur Generation der sogenannten "Babyboomer", die nach dem Zweiten Weltkrieg geboren wurde, und denke oft nostalgisch an diese vergangenen Jahre zurück; an einen Lebensstil, der in der heutigen, schnelllebigen Zeit weitgehend verschwunden ist. Viele aus meiner Generation sind mittlerweile geschieden, die Kinder sind längst erwachsen und leben verstreut; oft lebt man allein in einer großen, anonymen Stadt, in der kaum noch jemand ein Wort mit dem Nachbarn wechselt. Mein persönlicher Weg, diesem Leben zu entfliehen, war der radikale Umzug von Toronto, der größten Stadt Kanadas, in das beschauliche kleine Städtchen Revelstoke mitten in den Rocky Mountains – gut 5000 km weiter westlich.
Um der drohenden Einsamkeit zu entkommen, kaufte ich ein Bed & Breakfast in der Hoffnung, auf diese Weise Gäste aus der ganzen Welt bei mir empfangen zu können. Das war rückblickend eine großartige Entscheidung! Menschen, die Bed & Breakfasts als Unterkunft schätzen, sind zumeist sehr vielfältige und faszinierende Persönlichkeiten. Die meisten von ihnen sind bereits weit gereist, gut gebildet, und es ist unheimlich spannend, sich mit ihnen zu unterhalten und ihren Lebensgeschichten zu lauschen. Viele meiner Gäste sind im Laufe der Zeit zu echten Freunden geworden, kommen regelmäßig wieder oder wir bleiben per E-Mail in engem Kontakt. Ich treffe hier tagtäglich außergewöhnliche Menschen, die oft interessanter sind als mancher Teil meiner eigenen Verwandtschaft. Es macht mich jedes Mal ein wenig traurig, wenn sie wieder ihre Koffer packen und abreisen müssen.
Eines Tages erhielt ich eine unerwartete E-Mail von Philippe Papadimitriou, dem Besitzer des Gästehauses L'Etoile in Frankreich. Er fragte mich ganz unverbindlich, ob ich nicht an einem Urlaubsaustausch zwischen Gastwirten interessiert sei. Was für eine wunderbare Idee! Auch er schien jemand zu sein, der aktiv versucht, dem modernen, anonymen Lebensstil zu entfliehen. Ich war schwer beeindruckt von seiner Initiative!
Er hat eine sehr interessante und ansprechende Website aufgebaut, voll mit liebevollen Berichten und schönen Fotos von all den Menschen, mit denen er bereits einen Austausch durchgeführt hat – in Kanada, den USA, Australien, Polen und Marokko. Die Webseiten waren professionell und persönlich zugleich gemacht, und ich war sofort Feuer und Flamme für die Möglichkeit, Teil dieser neuen, bunten internationalen Familie zu werden.
Philippe kam kurze Zeit später für fünf Tage zusammen mit einer reizenden Freundin aus Tschechien, Radka, zu Besuch nach Kanada. Sofort hatten wir alle das Gefühl, alte, vertraute Freunde zu sein. Wir tauschten bis tief in die Nacht Geschichten über unsere charmanten Besucher aus, die unser Leben als Gastwirte so besonders machen. Nach nur wenigen Stunden war Philippe, der eigentlich ein völliger Fremder für mich gewesen war, wie ein Bruder geworden.
In der Zwischenzeit heiratete ich Syd Blackwell, der zufällig ebenfalls Besitzer eines kleinen B&Bs hier in Revelstoke ist, und wir beschlossen, unsere Hochzeitsreise in Europa zu verbringen. Syd und ich haben unglaublich viele Gemeinsamkeiten: Wir waren früher beide Lehrer, sind in den letzten 30 Jahren viel durch die Welt gereist, lieben den Umgang mit Menschen, kochen leidenschaftlich gerne und genießen vor allem unser gemeinsames, neues Leben als Betreiber von Gästezimmern in vollen Zügen.
Wir kamen genau an dem Tag im L'Etoile im Süden Frankreichs an, an dem Philippe gerade von einem weiteren Austausch aus den USA zurückgekehrt war. Sofort fühlten wir uns in seinem wunderbaren Haus pudelwohl. Es war sehr angenehm, auch wenn das große Haus leer war, da die Saison bereits vorüber war (L'Etoile ist regulär vom 15. Juni bis zum 15. September geöffnet). Es war zwar recht kalt und regnete die ersten drei Tage lang ununterbrochen, doch trotz des schlechten Wetters hatten wir einen rundum perfekten Aufenthalt.
Andere Touristen hätten sich bei diesem Wetter vielleicht entschieden, in ihrem warmen Hotelzimmer zu bleiben, bis der Regen endlich aufhört. Wir aber fuhren jeden Tag mit Philippe im Auto los, um die Umgebung intensiv zu erkunden. Wir konnten kaum unseren Augen trauen, wie schön und wild diese Gegend war – und das selbst bei strömendem Regen und dichtem Nebel! Wir fuhren über schmale und sehr kurvige Straßen, und nach jeder Biegung eröffnete sich uns eine neue, herrliche Aussicht: Rauschende Wasserfälle, beeindruckende, schroffe Felsformationen, kleine, wilde Flüsse und eine unglaublich vielfältige, sattgrüne Vegetation. Es war einfach atemberaubend schön im Nebel. Ich hatte früher bereits einmal in Frankreich gelebt, als ich mit meinem ersten Mann – einem Franzosen – verheiratet gewesen war. Ich hatte damals viele außergewöhnliche Orte in ganz Frankreich besucht, aber niemals zuvor diese wilde Region der Cevennen; was für eine unentdeckte Pracht!
Philippe, ein echter Lebemann, der immer positiv eingestellt und wunderbar unkompliziert ist, führte uns als lokaler Guide in kleine, versteckte mittelalterliche Dörfer mit engen Gassen. Er zeigte uns beeindruckende romanische und gotische Kirchen und kleine Bergkapellen, sowie einen malerischen, authentischen Markt mit frischem Obst, Gemüse, herrlich duftendem Käse, gutem Brot und traditionellen Handwerkswaren.
Ich hatte meinem neuen Ehemann aus Kanada schon so oft von der unglaublichen Vielfalt der traditionellen französischen Märkte vorgeschwärmt, aber wir hatten in den drei Wochen, die wir vor unserer Ankunft bei Philippe in La Bastide-Puylaurent alleine in Frankreich verbracht hatten, seltsamerweise keinen einzigen schönen Markt gefunden. Philippe führte uns zudem in ausgezeichnete kleine, familiengeführte Restaurants zum Mittagessen. Was für ein riesiger Unterschied es doch ist, einen echten Einheimischen als Führer zu haben! Unsere Erfahrungen mit Restaurants in Frankreich waren vor unserem Besuch bei Philippe nämlich leider nicht immer das gewesen, was wir uns insgeheim erhofft hatten.
Im L'Etoile war alles so wunderbar einfach, ehrlich und völlig ohne exzentrische Allüren. Wir fühlten uns dort wirklich wie zu Hause, aßen abends ganz entspannt mit der Familie und halfen im Anschluss gemeinsam beim Kochen und beim Abwaschen in der großen Küche. Es war eine absolut unvergessliche, menschliche Erfahrung. Wir hoffen sehr, dass in Zukunft noch viel mehr Gastwirte von dieser einfachen, aber genialen Idee begeistert sein werden, gegenseitige Austausche auf der ganzen Welt zu organisieren. Man lernt dabei Menschen intensiv kennen, denen man höchstwahrscheinlich nie im Leben begegnet wäre, wenn man als normaler Tourist in einem anonymen Hotel übernachtet hätte. Syd und ich träumen jedenfalls schon jetzt davon, eines schönen Tages im Sommer dorthin zurückzukehren, um durch diese wunderschöne, wilde französische Landschaft zu radeln. In der Zwischenzeit werden wir diesen kleinen, wertvollen Schatz ganz fest in unserer Erinnerung bewahren. Von Gundy Baty
Green Gables Loft B&B in Revelstoke, British Columbia, Kanada – Karte 