Um Kaslo, unser nächstes Ziel, zu erreichen, verließen wir Revelstoke und den Columbia River in Richtung Arrow Lake und Kaslo. Dort erwartete uns die schwer beladene Fähre für eine 30-minütige Überfahrt. Das Wetter war jeden Tag von einem strahlenden Blau geprägt; die Farben der Wälder, Berge und Flüsse waren intensiv und klar. Wir fuhren über einen verlassenen kleinen Weg aus dem Wald hinaus, als ein Geräusch von rollenden Steinen weiter oben links die Stille der Weite durchbrach. Einige Sekunden rührte sich nichts, dann tauchten an einem Berghang in etwa 200 Metern Entfernung zwei Elche auf. Ein kurzer Blickkontakt, und schon verschwanden sie wieder im dichten Wald.
Als wir von dem kleinen Pfad abwichen, tauchten wir tief in den Wald ein. Dieser Wald ist seit Beginn des Jahrhunderts nahezu unberührt geblieben. Bäume stürzen auf natürliche Weise um, und man kann noch immer die Einkerbungen auf den hohen und breiten Baumstümpfen sehen, die den Holzfällern einst als Stütze dienten. Hier begegnet man niemandem mehr, es herrscht völlige Stille. Die Atmosphäre ist fast schon etwas düster, geprägt von dem allgegenwärtigen grünen Moos und den umgestürzten Baumriesen, auf denen wir balancierten wie auf Wegen. Es ist ein echter Urwald, in dem man sich leicht verlaufen könnte – ein Ort, wo ein Luchs von einem Ast springen oder ein Bär sich unbemerkt von hinten nähern könnte...
Auf halbem Weg liegt Trout Lake, ein kleines, ruhiges Dorf, das trotz seiner nur einhundert Einwohner das Windsor Hotel aus dem Jahr 1892 besitzt. Es war 13 Uhr und ein Schild an der Tür besagte lapidar: "Zurück um 15 Uhr". Wir hatten uns eigentlich auf ein gutes Mittagessen an diesem erstaunlichen Ort gefreut; das muss nun wohl auf ein anderes Mal verschoben werden. 200 Meter weiter wohnt Marlène Savage, die die Tankstelle und den kleinen "General Store" betreibt. Dieser kleine Lebensmittelladen ermöglichte es uns, uns mit einer Kleinigkeit einzudecken, um die verbleibenden 111 km bis Kaslo zu überbrücken.
Die Straße nach Kaslo verwandelte sich schnell für fast 100 km in eine Schotterpiste. Ein tiefes Eintauchen in das ursprüngliche Kanada ist in diesem Tal entlang des Lardeau Rivers garantiert! Wir sahen einen Adler auf einem toten Baum und schließlich genau das, was wir uns insgeheim erhofft hatten: einen Grizzly am Flussufer. Es war ein stattlicher Bär, der sich ruhig am gegenüberliegenden Ufer des Flusses bewegte.
Kaslo: 900 Seelen, die am Ufer des 150 km langen Sees leben. Holzfäller, Hippies, Künstler, Informatiker und einige einheimische Originale beleben dieses kleine Städtchen. Von den umliegenden Bergen steigen die Aussteiger für ihre Einkäufe ins Tal hinab. Die Geschäfte in Kaslo sind klein, aber man findet alles Notwendige, und die Händler sind ausgesprochen freundlich. Nicht verpassen sollte man "Sunnyside Naturals", einen Laden für Naturprodukte und Organic Food. Er wird von drei sehr herzlichen Frauen geführt, von denen zwei aus der ehemaligen Tschechoslowakei stammen. Man kann dort ihre köstlichen, hausgemachten Bio-Säfte probieren. Nelson ist die nächste größere Stadt, liegt aber immerhin 65 km entfernt.
Die Dayspring Lodge B&B ist eine große, moderne Villa, die von einem kreativen Architekten entworfen wurde. Sie liegt 12 km südlich von Kaslo und bietet einen herrlichen Blick auf den See. Mark und Jacqueline empfingen uns sehr herzlich in ihrem großen Wohnzimmer, das direkt an die offene Küche grenzt und durch eine beeindruckende Deckenhöhe von über 5 Metern besticht. Bei kleinen Aperitifs am Kamin entwickelten sich schnell lebhafte Gespräche. Mark ist Anthropologe und stammt ursprünglich aus Victoria auf Vancouver Island. Er liebt Bücher und besitzt Hunderte davon. Jacqueline ist eher die Managerin im Haus; sie hat in ihrem Leben schon mehrere Geschäfte geführt, ist sehr bodenständig und arbeitet unter anderem als Naturreiseleiterin in Honduras und Guatemala. Sie bereitete uns köstliche Mahlzeiten und ein wunderbares Frühstück zu, alles mit sehr viel Geschmack arrangiert. Vor fünf Jahren haben sie ihr B&B eröffnet und sind hier sichtlich glücklich.
Man muss sagen, dass es dafür auch genug Gründe gibt: Die Aussicht auf den See und die gegenüberliegenden Berge ist fantastisch! Ein großer Balkon lädt die Gäste dazu ein, sich in der Sonne zu entspannen und die kristallklare Luft zu genießen. Ebenso bemerkenswert ist das Wasser, das man hier direkt aus dem Fluss trinken kann.
In der Dayspring Lodge B&B bietet Francine, die ursprünglich aus Quebec stammt, traditionelle thailändische Massagen an – eine wohltuende Kombination aus Dehnungen und der Stimulation von Akupunkturpunkten durch sanften Druck. Mark nahm uns in seinem großen Geländewagen mit zum Fry Creek Trail, einem Wanderweg, den nur die Einheimischen kennen. Nach mehreren Kilometern Pfad führte er uns direkt an die Ufer des Fry Creek. An einigen geschützten Stellen war das Wasser an den Rändern des Flusses trotz des sonnigen Wetters bereits zu Eis gefroren. Kleine, bemooste Holzbrücken und einige alte Telefonleitungen, die seit der Zeit des Goldrauschs halb in der Erde vergraben sind, zeugen von der bewegten Vergangenheit dieser Region.
Mark hat trotz seiner 62 Jahre unglaublich viel Energie. Es fiel uns wirklich schwer, mit ihm Schritt zu halten, so schnell und trittsicher ging er voran. Er kennt die Region in- und auswendig und hat hier schon vor über 30 Jahren in der Wildnis gecampt. Seine beiden Hunde sind ihm treue Begleiter und stecken ebenso voller Energie: Sie springen nach links, nach rechts, klettern wie durch Zauberei kleine Klippen hinauf und beurteilen instinktiv in Bruchteilen von Sekunden, wie ein Hindernis zu überwinden ist.
Die kanadische Atmosphäre unterscheidet sich spürbar von der europäischen: Es ist diese besondere Mischung aus chinesischer Entspannungsmusik, einem heißen Hot Tub unter freiem Himmel und der allgegenwärtigen, unendlichen Weite. Auch der Kleidungsstil ist deutlich entspannter und unkomplizierter. Man begegnet sich direkter und aufmerksamer. Man lernt viel Neues über das Leben, wenn man einige Zeit in dieser offenen Gesellschaft verbringt.
Dayspring Lodge Bed and Breakfast, Jacqueline & Mark Mealing, Kaslo, Kootenay Lake, British Columbia, Kanada - Karte 