« Welche andere Region bietet dem Reisenden so viele Naturschönheiten, so viele Lektionen der Geschichte und so viele Chancen auf Frieden? » — André Chamson
Wir starten in La Bastide-Puylaurent, das auf 1.016 Metern Höhe thront. Unser Ausgangspunkt ist die Pension L'Étoile, wo Philippe Papadimitriou seinen Gästen stets einen herzlichen Empfang bereitet. Das friedliche Dorf am Ufer des Allier verschwindet langsam aus unserem Blickfeld, während wir den Markierungen der Wanderwege GR®7 und GR®72 folgen. In Richtung Osten würden uns diese Wege zur Abtei Notre-Dame-des-Neiges führen, doch wir entscheiden uns, diesen Abstecher vorerst aufzusparen und ihn auf dem Rückweg zu erkunden. Daher verlassen wir rasch die rot-weißen Markierungen, um den 1.225 Meter hohen Gipfel der Felgère zu erklimmen. Von dort oben eröffnet sich ein herrlicher Panoramablick auf Luc, unser nächstes Ziel, während sich in der Ferne bereits das Relief der kommenden Etappen abzeichnet. Fesselnde Perspektiven erwarten uns.
Unser Waldweg führt weiter nach Osten und verläuft fast auf dem Kamm bis zu einer Wegkreuzung. Ein neuer Blickwinkel lässt uns die letzten Etappen durch die Bergwelt der Ardèche erahnen – ein Weg, der gewiss intensive Anstrengungen fordert, aber auch viele Freuden verspricht. Nun folgen wir den gelb-roten Markierungen der „Tour du Tanargue“. Dieser Pfad schlängelt sich unter den Buchen des Moure de Manibles hindurch, bevor er nach Laveyrune hinabführt. Dort stoßen wir auf den GR®70, den berühmten Stevensonweg, dem wir in umgekehrter Richtung bis zu unserem Etappenziel folgen.
Ein kurzer asphaltierter Abschnitt führt uns durch das Dorf und über die D.906, die sich am Ufer des Allier entlangschlängelt. Wir verlassen die Straße jedoch schnell wieder, um nach Luc hinaufzusteigen, einem kleinen Dorf, das malerisch am Talhang klebt. Der Ort hat viel Charme: Im Herzen des Weilers erhebt sich eine schöne romanische Kirche, während die Ruinen einer mittelalterlichen Burg den Hügel krönen, überragt von einer imposanten Marienstatue. Hier gönnen wir uns auf einer sonnigen Terrasse mit Blick auf den Allier eine wohlverdiente Pause.
Nach einer stärkenden Mahlzeit genießen wir die Stille des Gardille-Waldes am Ufer eines charmanten kleinen Sees. Wir streifen Les Pradels, während am Horizont dunkle Wolken aufziehen. Nach der Überquerung des tiefen Langouyrou-Tals folgt ein rascher Abstieg zum Bach und sogleich ein steiler Aufstieg zum letzten Hügelkamm. Schließlich erreichen wir das malerische Dorf Cheylard-l'Évêque.
Während noch leichte Nebelschwaden über den Bergkämmen hängen, wagt sich zaghaft die Sonne hervor und vertreibt die Erinnerungen an das Gewitter des Vorabends. Kann man sich jemals an diesen frischen, verheißungsvollen Morgenaufbrüchen sattsehen? Leichten Herzens und hungrig nach neuen Landschaften machen wir uns auf den Weg...
Diese Etappe verspricht eine lange, hügelige Waldwanderung über den Moure de la Gardille und die Montagne du Goulet. Zahlreiche Höhenmeter und weite Horizonte liegen vor uns.
Wir beginnen mit einem angenehmen, sanften Anstieg durch den weiten Wald von Mercoire. Auch wenn der Pfad aus dem Tal und den Schluchten des Allier eher unauffällig ist, so ist die Route doch klar: Wir erreichen die Heidelandschaft, die den Moure de la Gardille (1.503 m) umgibt. Dieser Gipfel fungiert wie ein natürlicher Wasserturm, da er in der Nähe der Quellen des Allier und des Chassezac liegt. Wir stoßen wieder auf den GR®7, dessen Markierungen uns zur nächsten Etappe leiten.
Ein langer Abstieg ermöglicht es uns nun, die weite Ebene entlang des Chassezac zu durchqueren. Kurz hinter Les Chazeaux wartet der schwerste Brocken des Tages auf uns: der Aufstieg zur Montagne du Goulet. Dieser letzte Anstieg ist steil, belohnt uns aber auf dem Gipfel (1.497 m) mit einem Moment tiefer Ruhe mitten im Wald. Nach einem anstrengenden Vormittag bietet uns der Nachmittag einen beschaulichen Spaziergang am Südhang des Goulet. Gemächlich steigen wir durch das Unterholz hinab, wo der September bereits das Weidenröschen zeichnet. Vor uns erhebt sich das majestätische Massiv des Mont Lozère, unser Spielplatz für die kommenden Tage. Doch heute steigen wir erst einmal in das noch frische Lot-Tal hinab, um Le Bleymard zu erreichen.
Unzählige Regionen bleiben unerforscht, unzählige Wege unbekannt. Dennoch werde ich nicht müde, das Zentralmassiv zu durchstreifen, in die wilden Weiten des Mont Lozère zurückzukehren und die alten Viehtriften (Drailles) und Pfade zu erkunden, die sich durch die Hügel der Cevennen winden.
Dieser Winkel Frankreichs bewahrt eifersüchtig seine Identität und seine raue Seele. Ist der Widerstand nicht die wahre Natur der Cevenolen? Ein jahrhundertelanger Kampf, um diesem unbarmherzigen Land ein Überleben abzuringen; erbitterter Widerstand gegen die Dragoner Ludwigs XV., gegen die nationalsozialistischen Besatzer oder auch gegen die Gleichmacherei der Moderne. André Chamson bringt es in L'Esprit des Cévennes auf den Punkt: Mehr als nur Naturschönheiten und historische Lektionen bieten uns diese Täler und Hügel, Hänge und Gipfel vor allem eine tiefe Stille – eine Chance auf inneren Frieden, die heute fast unauffindbar ist. Der „Geist der Cevennen“ liegt vielleicht in der Eroberung dieser inneren Gelassenheit, unbeeindruckt von den Stürmen der Natur und der Geschichte.
Ich empfinde eine tiefe Verbundenheit mit den kargen Hochplateaus der Causses und jenen Landstrichen, die das Massiv des Mont Lozère umgeben: Ein raues Granitplateau, ein Labyrinth aus Tälern, winzige Weiler, die in den endlosen Wellen der Bergkämme eingebettet sind. Ich habe sie im Frühling durchquert, als der Winter noch seine letzten Zuckungen zeigte, und erinnere mich an ein unerwartetes Erwachen im tief verschneiten Barre-des-Cévennes. Ebenso bewunderte ich das Frühlingsleuchten des Ginsters und die Pracht der Narzissenwiesen. Kürzlich erst erlebte ich das Verblassen des Sommers, wenn der Herbst beginnt, das Laub der Kastanienbäume in Gold zu tauchen.
Heute beginnen wir unsere Streifzüge durch das Massiv des Mont Lozère. Ein einziger Tag würde für eine Nord-Süd-Querung ausreichen, doch da wir dies bereits kennen, möchten wir diesen weitreichenden Bergrücken lieber von Ost nach West erkunden. Wir nähern uns ihm heute Morgen auf einem Rundweg: Auf den Wegen GR®44 und GR®68 folgen wir den Ausläufern des Lot. Die ohnehin wenigen Weiler – wie Orcières und Lozerette – werden immer seltener. Wir durchqueren eine tiefe, wilde Schlucht, um das förmlich an die Klippen geklammerte Oultet zu erreichen, wo einige robuste Häuser mit Schieferdächern stolz dem Wetter trotzen. Bei Nebel oder Schnee sollte man sich hier besser nicht verirren! Das Ende dieser Etappe führt uns an den Südhang des Massivs. Kurz hinter dem Gedenkkreuz jenes Hirten, der hier einst aus Liebeskummer tragisch erfror, leitet uns der Weg zum Weiler Les Laubies. Eine alte Kirche, ein einladendes Gasthaus und einige Häuser schmiegen sich an den Fuß eines Granitgeröllfeldes. Auf der Terrasse des Gasthauses genießen wir einen Aperitif mit Blick auf eine pastorale Landschaft, die bis zur Pyramide des Cham des Bondons und den Klippen des Causse Méjean reicht.
Das schöne Wetter hält an – der Altweibersommer zeigt sich von seiner besten Seite. Leichtfüßig und fröhlich setzen wir unseren Weg fort und wandern über die Kämme des Mont Lozère. Hinter Les Laubies steigen wir den Südhang des Massivs hinauf. Ein kurzer Waldabschnitt bringt uns zur „Route des Chômeurs“ am Fuße des Roc des Laubies (1.562 m). In Gesellschaft rostroter Rinder und des Windes bahnen wir uns einen Weg durch die Weiden. Unter einem azurblauen Himmel wandern wir dahin, während tief unter uns das Tarn-Tal in einem Wolkenmeer versinkt. Bald verlassen wir die Viehweiden und kürzen querfeldein in Richtung des Signal des Laubies (1.657 m) ab. Ein schmaler, nur durch unscheinbare Steinmännchen markierter Pfad führt uns über den welligen, buckligen Rücken des Massivs – eine äußerst angenehme Wegstrecke. Ich danke den Göttern des Mont Lozère, die mir hier stets einen solch klaren Himmel bescheren.
Der Sommet de Finiels (1.699 m) ist die höchste Erhebung des Massivs. Als natürlicher Aussichtspunkt überblickt er die Täler und Kämme, die das raue Gesicht der Lozère prägen. Es verwundert nicht, dass dieses Département das am dünnsten besiedelte ganz Frankreichs ist; ebenso wenig überrascht es, dass diese wüstenartige Landschaft ein wahres Paradies für Wanderer darstellt! Jenseits des Nadelwaldgürtels und einzelner Laubbaumgruppen tauchen wir in eine faszinierende, mineralische Welt ein. Der Finiels ist nur noch wenige Schritte entfernt, doch die Landschaft hier ist angenehm rau, wild und von der flirrenden Hitze geprägt. Am Rande des Weilers legen wir inmitten eines Chaos aus Granitblöcken und gewaltigen Erosionsspuren eine wohlverdiente Pause ein.
Der Pfad wendet sich nun entschlossen nach Süden und schlängelt sich durch karge Weiden, auf denen sich die Kühe zwischen den Felsen verteilen. Wir überqueren den Bach Rieumalet und tauchen in seine Schlucht ein, um die angenehme Kühle zu genießen. Es gibt keinen Grund zur Eile: Der strahlende Nachmittag und das nahende Etappenziel lassen uns Zeit. Wir müssen nur noch hinab nach Le Pont-de-Montvert laufen, das sich ans Ufer des Tarn schmiegt. Das Dorf scheint bereits in einen sanften Abendschlaf gefallen zu sein.
In Le Pont-de-Montvert befinden wir uns tief im protestantischen Land. Der „Temple“ (die protestantische Kirche) zeugt davon: Seine strenge Architektur spiegelt die Seele der Cevenolen ebenso wider wie die schlichte Würde der holzgeschnitzten Kanzel – ein schweres Erbe der Spiritualität der Camisarden. Weder die Dragoner des Königs noch seine Galeeren konnten den reformierten Glauben je aus diesen Bergen vertreiben. Dieses Dorf war einst die Wiege des Kamisardenkriegs, der die Cevennen zu Beginn des 18. Jahrhunderts mit Blut und Feuer überzog.
Hier war es, wo eine Gruppe von Protestanten unter der Führung von Pierre Séguier (genannt „Esprit“) den Abbé du Chayla ermordete, den Anführer der Unterdrückung des reformierten Glaubens. Die königlichen Truppen nahmen den Rebellenführer jedoch rasch gefangen. Die Justiz kannte keine Gnade: Pierre Séguier wurde in Florac verurteilt und in Le Pont-de-Montvert hingerichtet – direkt am Fuße des Uhrenturms, der auch heute noch stolz neben der alten Brücke aufragt.
Es folgt eine lange und wunderschöne Etappe, zweifellos einer der Höhepunkte unserer Wanderung. Obwohl sie mit einem kurzen Asphaltabschnitt beginnt, gestaltet diese ruhige, am Ufer des Tarn verlaufende Straße das morgendliche Einlaufen sehr angenehm. Schnell verlassen wir die D.998, um in Richtung Le Merlet hinaufzusteigen und so auf die steinigen Pfade des Mont Lozère zurückzukehren. In Felgerolles treffen wir auf die Markierungen des GR®72 und beginnen einen steinigen Aufstieg durch ein Chaos aus Granitfels: Eine raue und zugleich zutiefst wilde Kulisse.
Am Ufer des Tarn öffnet sich die Landschaft und gibt den Blick auf die wüstenartige Weite des Südhangs frei. Es folgt ein friedlicher Spaziergang am Fluss, der sich nach der Wildheit des Frühjahrs spürbar beruhigt hat. Die Stätte an der alten Tarn-Brücke (Pont du Tarn) hat sich ihren vollen romantischen Charme bewahrt. Die schönen romanischen Bögen der Brücke, die sich über das mit Granitblöcken gespickte, kristallklare Wasser spannen, erinnern an die friedvolle Geschichte der Transhumanz, als die Hirten hier einst im schützenden Schatten der Kiefern Rast machten.
Wir setzen unseren Weg nach Osten fort. Der GR®72 streift den Waldrand, bevor er wieder in die steinige Heidelandschaft eintaucht, wo die Quellen des Tarn entspringen. Der in die Jahre gekommene Weiler Bellecoste zeugt still vom Verfall der einst so robusten Granitbauten. Das Massif du Lozère versinkt allmählich wieder in der Stille der Wüste. Selbst die vorbeiziehenden Schafherden scheinen hier seltener zu werden. Dennoch arbeitet ein junges Paar eifrig an der Restaurierung eines der Häuser – wohl getrieben von der Sehnsucht nach einem abgeschiedenen Sommerdomizil. Aber wie sagt man so schön: „Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer!“
Der Fahrweg windet sich unterhalb des Pic Cassini (1.680 m), der zweithöchsten Erhebung des Massivs, entlang. Wir tauchen wieder in den Wald ein, bevor wir den Mas de la Barque (1.420 m) erreichen. Die Wanderherberge liegt auf einer sonnigen Lichtung und lädt unwiderstehlich zu einem kühlen, blonden Bier ein. Die großzügig belegten Sandwiches schmecken uns nach den Strapazen hervorragend.
Der Nachmittag verspricht, gemütlich zu werden: Der Wanderführer kündigt 11 Kilometer hinab in das Tal nach Villefort an (über die Voie Régordane GR®700 oder den Chemin de Saint-Gilles), begleitet von 800 Höhenmetern im Abstieg. Aber Vorsicht vor voreiligen Schlüssen! Zwar schlängeln wir uns in endlosen Kehren den Wald hinab, doch die Strecke hält auch einige knackige Gegenanstiege bereit, wie etwa jenen Felsgrat, der zum Bousquillou (1.115 m) führt.
Endlich verlassen wir den dichten Wald und können unseren Blick in die Ferne schweifen lassen. Und was für ein Ausblick! Im Westen streckt der Mont Lozère seinen breiten Rücken über den winzigen Weilern aus. Im Osten zeigt die Bergwelt der Ardèche ihr schroffes Relief und verspricht uns Tage voller Abenteuer ohne jegliche Langeweile. Doch wir haben bereits genug herrliche Landschaften bewundert. Genießen wir nun das Vergnügen, über den Panoramakamm des Plo de la Voulp zu wandern, bevor wir endgültig in Richtung Villefort hinabtauchen.
Die Nacht kündigt sich unruhig an: Am nächsten Tag findet im Ort eine organisierte Wanderrallye statt. Die Herberge ist bis auf den letzten Platz mit fröhlichen Wanderern belegt, die ihre (noch bevorstehenden) sportlichen Leistungen bereits lautstark im Voraus feiern.
Dieser neue Tag markiert den Übergang zwischen dem Massif du Lozère und den Cevennen des Vivarais. Um ehrlich zu sein, besteht der Hauptreiz des Vormittags vor allem darin, nach der Enge der Herberge endlich wieder die Ruhe der bewaldeten Hügel zu genießen. Gleich nach Villefort steigt der GR®44 in den Wald hinauf und verweilt dort lange, ohne auch nur einen flüchtigen Blick auf die Täler freizugeben, die wir zu beiden Seiten des Kammes nur erahnen können.
Seien wir ehrlich: Wir genießen den Schatten und die Kühle des Waldes in vollen Zügen, denn die Sonne brennt immer noch unerbittlich. Wer könnte sich darüber beschweren? Vermutlich nur die Einheimischen, die unter den Folgen der monatelangen Trockenheit leiden!
Der Vormittag ist bereits weit fortgeschritten, als wir an der Croix de la Rousse den Wald verlassen, um uns dem felsigen Grat der Serre de Barre zu stellen. Das Vorankommen wird holprig: Wir kraxeln förmlich über diesen zerklüfteten, mit Dornengestrüpp überzogenen Grat. Man könnte meinen, wir seien im Maquis gelandet.
Aber was für eine atemberaubende Landschaft erwartet uns dieses Mal!
Zur Rechten wogen die Bergkämme der Cevennen scheinbar endlos in Richtung Mont Aigoual; im Osten gleitet unser Blick über das Ardèche-Plateau hinweg bis zur bläulichen Horizontlinie, an der sich die unverwechselbare Silhouette des Mont Ventoux abzeichnet. Dieser berühmte Aussichtspunkt schenkt uns ein schier grenzenloses Panorama! Ein idealer Ort, um uns eine wohlverdiente Mittagspause zu gönnen.
Am südlichen Ende der Serre de Barre beginnen wir einen sehr langen Abstieg. Der alte, steinige Pfad, der hier und da von verfallenen Trockenmauern gesäumt wird, stürzt regelrecht durch das Gestrüpp den Hang hinab. Nach einem kurzen Marsch auf der Straße biegen wir nach Brahic ab, wo das Dörfchen in einem tiefen sonntäglichen Mittagsschlaf liegt. Die erfrischende Quelle ruft uns, und wir ziehen uns für einen Moment in die kühle Dämmerung der alten Kirche mit ihrem typischen Glockengiebel zurück.
Es liegen noch 300 steile Höhenmeter im Geröll vor uns, bevor wir Les Vans erreichen (den Kreuzungspunkt von GR®4, GR®44 und dem Sentier Le Cévenol). Weinberge am Fuße der Hänge, platanengesäumte Straßen: Kein Zweifel, wir sind im Süden angekommen. Das Städtchen genießt den ausklingenden Sonntag auf seinen belebten Terrassen. Mit unseren schweren Rucksäcken mögen wir zwischen all den flanierenden Menschen leicht „masochistisch“ wirken, aber dafür haben wir uns weitaus intensivere Freuden gegönnt, als nur einen Pastis am Tisch zu schlürfen!
Wir verweilen zunächst noch etwas an den Ufern des Chassezac, vorbei an Chambonas und seinem eleganten Schloss, bevor wir auf dem Cévenol-Pfad in die Hügel zurückkehren. Der Aufstieg beginnt sanft und ohne jede Härte. Über gut ausgebaute, mediterran geprägte Wege steigen wir allmählich empor. Wir schlängeln uns entlang einer tiefen Schlucht, durchqueren lichten Kiefernwald und passieren kleine Weinberge nahe der friedlichen Weiler. „Zu spät für die Weinlese!“, ruft uns ein Bauer freundlich zu. Dennoch entdecken wir noch ein paar vergessene, wunderbar süße Trauben, die uns sehr erfreuen.
Hinter Les Aliziers zeigt der Pfad Zähne. Die steinigen Wege klettern unerbittlich die rauen, bewaldeten Hügel hinauf. Kaum sind wir in eine Schlucht hinabgestiegen, müssen wir auf der anderen Seite sofort wieder hinauf. Wir reihen Anstieg an Anstieg, nur um die hart erkämpften Höhenmeter gleich darauf wieder zu verlieren. Bei diesem zermürbenden Achterbahn-Spiel fragt man sich unweigerlich, wann wir endlich das Niveau von 900 Metern auf dem Felsgesims des Vivarais cévenol erreichen werden. Den gesamten Vormittag verbringen wir damit, uns zwischen verfallenen Trockenmauern durch das Geröll zu kämpfen. Das leise Rascheln trockener Kastanienblätter mischt sich mit dem harten Knirschen unserer Sohlen auf dem Gestein.
In Saint-Jean-de-Pourcharesse legen wir unsere Mittagspause ein. Der kleine Platz vor der alten romanischen Kirche (die ebenfalls einen schönen Glockengiebel besitzt) ist wie geschaffen dafür. Es ist keine Menschenseele zu sehen. Aus dem Nachbarhaus dringt Fernsehlärm nach draußen, doch unser Klopfen an Tür und Fensterläden bleibt unbeantwortet. Zu allem Überfluss gibt es nicht einmal einen Brunnen, um unsere Wasservorräte aufzufüllen! Zum Glück zeigt sich die Landschaft von unserer Terrasse aus wesentlich großzügiger als die Bewohner.
Auch der Nachmittag hält noch ein hartes Stück Arbeit für uns bereit: Erneut folgt eine Fahrt auf der Achterbahn, bei der die Anstiege letztlich überwiegen. Der alte, steinige Pfad führt uns unbarmherzig durch die von Gestrüpp überwucherten Hügel. Am verlassenen Weiler Dépoudent (700 m) angekommen, liegt noch eine letzte Kraftanstrengung vor uns, um Peyre auf 865 Metern zu erreichen. Die Mittagssonne flutet diese felsigen Hügel unbarmherzig und spendet kaum Schatten. Dennoch entschädigt die atemberaubende Schönheit der Landschaft vollauf für die Strapazen: Beim Abstieg tauchen wir förmlich in die Kulisse ein und überblicken den langen Bergrücken, der über der Schlucht des Chassezac aufragt – ein herrlicher Blick zurück auf unsere vorherige Etappe. Und plötzlich, hinter einer Spitzkehre, taucht der winzige Weiler Thines auf, das heiß ersehnte Ziel dieses anstrengenden Tages. Diese Etappe, in der sich Thines geradezu verzweifelt an seinen Felsvorsprung klammert, hoch über einem schwindelerregenden Abgrund, wird sich uns zweifellos lange ins Gedächtnis brennen.
Der Weiler selbst? Eine Handvoll alter Schieferhäuser mit plattengedeckten Dächern, dicht gedrängt um eine romanische Kirche, die man in diesem entlegenen Winkel der Ardèche-Cevennen absolut nicht erwarten würde.
Inmitten dieser wilden Hügel verbirgt sich ein wahres Meisterwerk der romanischen Architektur: Eine perfekte Harmonie der Formen und eine subtile Anordnung der Materialien, bei der sich graue, rosafarbene und weiße Steine zu einem raffinierten Mosaik vereinen. Welches Wunder hat die Baumeister des Mittelalters im 12. Jahrhundert dazu bewogen, ein solches Kunstwerk in völliger Einsamkeit zu errichten? Florierte in diesem entlegenen Weiler einst eine so bedeutende Wirtschaft, dass sie den Bau eines derart monumentalen sakralen Gebäudes erlaubte? Heute verliert der Ort seine Kraft und seine Seele. Niederländer und andere Auswärtige kaufen die alten Gemäuer zu horrenden Preisen auf, die für Einheimische unerschwinglich geworden sind. Die permanent geschlossenen Fensterläden der frisch restaurierten Ferienhäuser zeugen von dem langen, traurigen Schlaf eines sterbenden Dorfes. Wie oft haben wir auf den Hochplateaus der Causses, an den Hängen des Mont Lozère oder in den vergessenen Tälern des Hérault und der Drôme bereits solche stummen Zeugen einer verschwindenden bäuerlichen Zivilisation durchquert?
Diese Etappe wird uns zweifelsohne als eine der nassesten und turbulentesten, die wir je erlebt haben, in Erinnerung bleiben. Meine Erinnerung beschränkt sich heute auf eine verzweifelte Flucht durch Nebel, den man mit dem Messer schneiden konnte. Der Platzregen prasselte unerbittlich auf unsere Regencapes, während das Gewitter direkt über unseren Köpfen mit blinder Wut tobte. Statt der majestätischen Landschaften, die der Wanderführer vollmundig als „herrliche Ausblicke“ anpries, behielt ich nur die rohe Gewalt der Elemente im Gedächtnis – brutale, aber auf seltsame Weise auch faszinierende Eindrücke. War es vernünftig, bei solchem Wetter über diesen kahlen Grat zu wandern, gefährlich nah an den Masten einer Hochspannungsleitung, mit nassen Füßen im Schlamm, eingekesselt von Sturzbächen und nur erhellt von grellen Blitzen? Aber was blieb uns in dieser Einsamkeit schon anderes übrig, zumal unsere Herberge für den Abend gebucht war... Ganz zu schweigen von diesem unzerstörbaren Fünkchen Leichtsinn, das uns trotz unserer Jahre noch immer innewohnt.
Es gehört gewiss eine Portion Wahnsinn dazu, seinen gemütlichen Kokon zu verlassen, um sich auf solch unwirtlichen Pfaden dem Wetter auszusetzen. Aber wir waren auf der Suche nach echten, unverfälschten Emotionen; nach genau jenen Überraschungen, die uns das moderne, durchgeplante Leben oftmals verwehrt. Unterwegs begegneten wir tatsächlich noch einem Quartett von Unerschrockenen, die in demselben Wolkenbruch eine illusorische Zuflucht suchten.
Ein Glück, dass dies die kürzeste Etappe unserer Tour war. Eigentlich hatte ich einen kleinen Abstecher abseits der üblichen Routen auf dem Panoramaweg rund um das Massiv von Prataubériat geplant... doch letztendlich blieben wir vernünftigerweise auf der klassischen Route. Ein bisschen verrückt sind wir zwar, aber noch lange nicht lebensmüde! So entgingen wir der schlimmsten Wut des Unwetters, was mich jedoch nicht vor einem allerletzten elektrischen Schock bewahrte: Völlig durchnässt und vom Regen halb blind, lief ich am Ortseingang von Loubaresse prompt in einen Elektrozaun. Eine äußerst einprägsame Erfahrung, das kann ich Ihnen versichern!
Mein besorgter Blick suchte am Horizont nach einem kleinen Hoffnungsschimmer. Das Dorf war in dichten Nebel gehüllt und in einem düsteren Zug tiefer Wolken versunken. Aber wir hatten schon Schlimmeres erlebt, und der Regen ließ glücklicherweise langsam nach. Der bleierne Himmel, in dem breite Nebelschwaden hingen, tauchte die Heidelandschaft am Col de Prataubériat in eine unbestimmte, beinahe trostlose Atmosphäre.
Wir durchquerten daraufhin einen dichten Wald in Richtung Les Chambons. Hier mussten wir eine Entscheidung treffen: Sollten wir den rauen Gratweg des GR®7 wählen oder den GR®72, der etwas gemächlicher dem Tal der Borne folgt? Da wir in puncto Panoramen bereits reichlich verwöhnt waren und das Wetter weiterhin instabil schien, entschieden wir uns für den GR®72. Eine kluge Wahl, denn dieser Pfad entpuppte sich sehr schnell als ungezähmt und überaus malerisch.
Kaum hatten wir ein kurzes Stück Asphalt hinter uns gelassen, das von dichten Maulbeerbüschen flankiert war – ein hübscher grüner Vorhang, der einen gefährlichen Abgrund verbarg –, verwandelte sich der Weg in einen steinigen Pfad, der sich am Hang der Schlucht entlangwand. Tief unten tobte die Borne, gewaltig angeschwollen von den Regengüssen des Vortags. In engen Kehren führte der Weg in die Schlucht hinab und bot an jeder Biegung spektakuläre Blicke auf den Wildbach. Sogar eine alte Turmruine fügte sich in das Bild ein und verlieh der Szenerie einen Hauch von willkommener Romantik. Der Weiler Borne führte diese fast zeitlose Atmosphäre nahtlos fort. Hier standen nur noch wenige Häuser und Ruinen, stumme Zeugen einer Vergangenheit, die man sich einst prachtvoll vorstellen konnte. Ein wunderschöner Torbogen aus Granit, dezent verziert mit einem rätselhaften Wort und der ehrwürdigen Jahreszahl „1667“, erinnerte eindrücklich an diese längst vergangenen Tage.
Der Weg tauchte anschließend unter ein dichtes Blätterdach, überquerte flache, sprudelnde Bachläufe, die in die Borne mündeten, bevor er die beeindruckenden Ruinen von Conches erreichte. Wie ich später an unserem nächsten Rastplatz erfuhr, hatte eine alte Dame sich an diese Ruinen geklammert und dort bis zu ihrem kürzlichen Tod allein gelebt. Wovon ernährten sich diese verlorenen Seelen in einer solch steinigen und wilden Umgebung? Während unsere Überflussgesellschaft bei kleinsten finanziellen Krisen in Panik gerät, führten diese Menschen ein primitives, mühsames Leben, das sie der harten Natur abtrotzen mussten. Diese Wege, die uns eine oft spektakuläre Auszeit bescheren, lassen uns gleichzeitig tief in die Geschichte dieser Männer und Frauen eintauchen. Sie zwingen uns zum Nachdenken... und verleihen uns vielleicht ein wenig Demut und Weisheit.
Dann führte uns der Pfad aus der tiefen Schlucht der Borne hinaus. Wir gewannen plötzlich wieder an Höhe, um uns anschließend steil hinab nach Saint-Laurent-les-Bains fallen zu lassen. Ein reizender kleiner Kurort, stolz auf seine Kirche mit den leuchtenden, modernen Buntglasfenstern. Jedes Jahr strömen Kurgäste hierher, um von den heilenden Eigenschaften der Thermalquellen zu profitieren. Das 53 °C heiße Wasser gilt als wahres Wundermittel gegen Rheuma. Zum Glück sind wir noch nicht auf derlei Behandlungen angewiesen, sondern halten uns lieber an die bewährte Weisheit der Wanderer: „Ein Tag auf dem Wanderweg bringt acht Tage Gesundheit!“ Kaum hatten wir den Ort hinter uns gelassen, galt es zügig 350 Höhenmeter zu überwinden, um den hohen Turm von Saint-Laurent zu überblicken und das Croix du Pal zu erreichen. Wir legten ein forsches Tempo vor, denn in der Ferne grollte erneut der Donner und der Himmel verdunkelte sich bedrohlich.
Während wir in das grüne Tal des Rieufrais hinabeilten, erreichten wir die Abtei Notre-Dame-des-Neiges, gerade als die ersten dicken Tropfen fielen.
Die im 19. Jahrhundert von mutigen Trappistenmönchen (Zisterziensern) gegründete Abtei musste nach einem verheerenden Brand im Jahr 1912 neu errichtet werden. Hier legte einst Robert Louis Stevenson auf seiner berühmten Reise durch die Cevennen eine Rast ein. Doch es ist wohl vor allem Charles de Foucauld, der in der Geschichte dieses Ortes die tiefsten Spuren hinterlassen hat. Nach seinem Noviziat wurde er hier zum Priester geweiht, bevor er in die Sandwüsten der Sahara aufbrach. Während der dunklen Stunden des Zweiten Weltkriegs gewährte die Glaubensgemeinschaft heimlich Flüchtlingen Unterschlupf, darunter dem bekannten Politiker Robert Schuman. Heute widmen sich die Mönche mit Leidenschaft dem Weinbau und keltern aus sonnenverwöhnten Trauben des Südens einen recht anständigen Tafelwein.
Leider konnten wir in der Abtei nicht lange verweilen: Der Regen erwies sich als mehr als nur ein kurzer Schauer. Es war der letzte Ausläufer des Gewitters, und uns blieben noch gut drei Kilometer, um unsere endgültige Schlussetappe zu beenden. Blitzschnell eilten wir durch das Tal des Rieufrais. Das Gästehaus L'Étoile erwartete uns bereits – wie immer überaus gastfreundlich und komfortabel. Philippe Papadimitriou würde uns später sicherlich mit Freuden ins Kloster fahren, um dort die sorgfältig von den Mönchen gekelterten Weine zu verkosten. Ein wunderbarer und fröhlicher Abschluss, der unserem großen Cevennen-Abenteuer die Krone aufsetzte! Christian Lalanne











