Der Stevensonweg, auch bekannt als GR®70, beginnt in Le Puy-en-Velay, einer Stadt, die für ihr religiöses Erbe berühmt ist. Diese Wanderung folgt den Spuren des schottischen Schriftstellers Robert Louis Stevenson und seiner Eselin Modestine, die 1878 die Cevennen durchquerten. Die Route beginnt in der Region Haute-Loire und führt durch abwechslungsreiche Landschaften, insbesondere die weiten Hochebenen des Velay und des Gévaudan. Sie bietet ein tiefes Eintauchen in die Natur und die lokale Geschichte, bevor der Weg die Wanderer durch das Département Lozère und schließlich bis in den Gard nach Saint-Jean-du-Gard führt – über eine Gesamtstrecke von etwa 270 Kilometern.
1. Etappe: Vom Puy-en-Velay nach Le Monastier-sur-Gazeille
Es gibt kein Wetterwunder an diesem Morgen; Wolken und Nieselregen verhüllen weiterhin die Hügel. Das Unterholz tropft endlos. In der durchnässten Landschaft lassen die Blumen bedrückt die Köpfe hängen, als ob sie mit dem Unglück dieser armen Wanderer mitfühlen, die mühsam durch den Morast der Pfade waten. Doch die Durchquerung des Velay hat trotz dieser durchdringenden Feuchtigkeit ihren ganz eigenen Reiz; all dieses Grau und die tief hängenden Wolken, die schwer auf der Landschaft lasten, verstärken die Wildheit der Hochebene. Was für eine Atmosphäre!
Abseits von Montbonnet, in seiner ländlichen Einsamkeit, zeugt die bescheidene Kapelle St-Roch, die dem Schutzpatron der Pilger gewidmet ist, noch heute von mittelalterlichem Glauben und Architektur. Ich suche dort einen kleinen Moment Zuflucht, um eine meditative Kontemplation zu genießen und mich mit all den Reisenden zu verbinden, die im Laufe der Jahrhunderte ebenfalls die Tür dieses Rückzugsorts der Ruhe und Besinnung aufgestoßen haben. Die Weiler reihen sich entlang des Pfades wie graue Steininseln abseits der Welt aneinander. Die Wanderer „mit der Jakobsmuschel“ durchqueren oder streifen sie, ohne eine Menschenseele zu erblicken. Ein langer steiniger Abstieg führt mich vor die Tore von Puy-en-Velay, gerade rechtzeitig, um eine schüchtern aufreißende Wolkendecke zu genießen. Bis morgen, zur Entdeckung der Altstadt. Allein das Labyrinth der kopfsteingepflasterten Gassen verleiht ihr einen überaus malerischen Charakter. Tagesetappe: 22 km.
Bevor ich auf Entdeckungsreise durch Puy-en-Velay gehe, muss ich ein ernstes logistisches Problem lösen: Meine Wanderschuhe lassen mich im Stich. Es ist schon schlimm genug, dass sich diese „Dry Line“-Stiefel manchmal wie Schwämme vollsaugen; die armen Dinger haben schon so viel durchgemacht! Aber der rechte Schuh verletzt ernsthaft meinen Spann; die Wunde ist offen und kaum noch zu ertragen. Dabei hatte ich sie vor meiner Abreise vorschriftsmäßig „eingelaufen“. So etwas ist mir in 20 Jahren auf Wanderwegen noch nie passiert! Anscheinend sind wir einfach nicht füreinander bestimmt. Daher wage ich den Kauf eines neuen, relativ leichten Paares und nehme das Risiko des erneuten Einlaufens in Kauf. Ich werde sie auf den rauen Pflastersteinen von Puy-en-Velay einweihen und die „ausgemusterten“ Schuhe zusammen mit den veralteten Wanderführern und Karten nach Hause schicken.
Drei hoch gelegene religiöse Denkmäler überragen die Stadt: Notre-Dame de France, die wunderschöne Basilika und die Kapelle Saint-Michel d'Aiguilhe. Ich gestehe, ich habe eine gewisse Abneigung gegen diese kolossale, imperiale Marienstatue, die „aus den bei Sewastopol erbeuteten russischen Kanonen gegossen“ wurde. Was für eine unnatürliche Assoziation! Die Basilika ist ein bemerkenswertes romanisches Bauwerk, majestätisch und geradezu grandios, das man über eine malerische, von Spitzenklöpplerinnen gesäumte Gasse erreicht. Aber diesen imposanten Bauten, die einen triumphierenden und dominierenden Katholizismus ausstrahlen, ziehe ich den benachbarten, diskreten und verborgenen Kreuzgang vor. Auch die Kapelle Saint-Michel d'Aiguilhe, hoch oben auf ihrer Felsnadel, birgt am Ende der 268 Stufen ein kleines Wunder romanischer Architektur. Die arabische Eleganz des Portals findet in der ovalen Säulenhalle im Inneren ihre Entsprechung. Und plötzlich färbt im Halbdunkel ein flüchtiger Sonnenstrahl die großen grauen Steinplatten mit dem Lichtspiel der Glasfenster... Ich beginne wieder, auf strahlendere Tage zu hoffen.
Die Durchquerung des Velay-Plateaus
Fünf von sieben Tagen voller Grau, Regen und Gewitter... Das zerrt an der Moral. Daran glauben und durchhalten! Heute führt eine kurze Etappe nach Le Monastier-sur-Gazeille, wo der „Stevensonweg“ eigentlich erst richtig beginnt. Hier startet auch der „Sentier Saint-François Régis“, markiert in Weiß und Grün (Jean-François Régis wirkte im 17. Jahrhundert als Missionar im Velay-Vivarais und wurde zum Schutzpatron der Spitzenklöpplerinnen gewählt. Der nach ihm benannte Weg ist eine 193 km lange Strecke, die von Le Puy nach Lalouvesc in der Ardèche führt).
So setze ich die Durchquerung des Velay-Plateaus fort. Das Gelände ist moderat, mit zwei nicht allzu steilen Anstiegen – das morgendliche Aufwärmprogramm, um den Talkessel von Puy-en-Velay zu verlassen, und knapp zwei Stunden später die Überquerung der Loire bei Coubon. Die Landschaft ist reizvoll. Man darf sich nicht täuschen lassen: Das Wetter verwöhnt mich noch nicht mit Sonnenschein, aber ich habe schon Schlimmeres erlebt. Nachdem ich so oft wie unter einer schottischen Dusche stand, gebe ich mich schließlich mit diesem intermittierenden Nieselregen zufrieden. Und wenn eine flüchtige Aufhellung im Osten die Bergkette des Mézenc erhellt, dramatisiert das Helldunkel im unendlich trüben Meer der schweren Wolken den Horizont der Vulkankette. Und es ist wahr: „Jedes Unglück hat auch sein Gutes.“ Ohne diesen Regen hätte ich auf einer Böschung gepicknickt, anstatt in Archinaud nach einem Unterschlupf zu suchen. Und so hätte ich eine unvergessliche Begegnung verpasst. Sie kam gerade vom Pilzesammeln zurück. „Nein“, antwortete sie mir, „es gibt weder ein Bistro noch ein Bushäuschen in diesem Weiler.“ Und ganz selbstverständlich lud sie mich in das alte Haus ein, das sie in ihrem Heimatdorf zurückgekauft hatte. Ich widerstand ihrem Eintopf, wurde aber bei dem herrlich goldbraunen Milchreis schwach. Bei dieser kurzen Etappe drängte nichts; das Wetter lud ohnehin nicht zum Verweilen im Freien ein... Also verlängerten wir die vertrauten Gespräche unserer beidseitigen Einsamkeit.
Um in L'Herm dem Asphalt einer Landstraße zu entgehen, gönne ich mir eine Variante über Le Mont, einen sehr schönen Pfad durch das Gebüsch, und schneide mir einen robusten Weggefährten aus einem Haselnussstrauch. Heute Abend schlafe ich in Le Monastier-sur-Gazeille... in der Gendarmerie, die in eine komfortable Wanderherberge umgewandelt wurde! Tagesetappe: 20 km.
Der Stevensonweg beginnt also wirklich in Le Monastier-sur-Gazeille. Das kleine, verschlafene Dorf tief im Velay verdankt dem schottischen Romanautor viel. Wer würde es ohne seine abenteuerliche Reise heute noch besuchen, trotz seiner Abtei und der massiven Kapelle aus Vulkangestein? Der Ort hat ihm diesen Gedenkstein auf der Terrasse mit Blick auf das Tal der Gazeille gewidmet – jener Fluss, den Stevenson vor dem Einschlafen „plätschern“ hörte!
Heute haben die jüngsten Regenfälle die Lautstärke seines Gesangs noch verstärkt. Und oben am Himmel scheint es sich kaum zu bessern. Oben? Dieser Ausdruck ist gewagt. „Bei einem so tiefen Himmel...“, würde Jacques Brel singen; und diese schwere Wolkendecke lastet wirklich drückend! Zum Glück hält der morgendliche Nieselregen nicht ewig an... Mit dem Grau arrangiert man sich. Und es passt sogar ziemlich gut zur vulkanischen Einöde. Seit gestern fällt der Kontrast deutlich auf; nicht bei der Landschaft, sondern auf menschlicher Ebene. Der Trubel auf den ersten beiden Etappen des Jakobswegs und die belebten Straßen von Puy-en-Velay lassen mich die Einsamkeit des weiten Plateaus umso stärker spüren und... schätzen. Selbst der Durchmarsch in Saint-Martin-de-Fugères ändert daran an diesem Pfingstmorgen nichts: Keine Menschenseele auf der Straße und die Kirche ist verschlossen! Dabei hätte ich gerne herausgefunden, was sich hinter dieser monumentalen Fassade verbirgt, die von einem „Kammglockenturm“ gekrönt wird (diese Glockentürme sind typisch für das Velay-Plateau. Sie bestehen aus einer einzigen Wand, die in Nischen endet, in denen die Glocken hängen. Obwohl es in dieser Vulkanregion nicht an Steinen mangelt, erklärt sich diese architektonische Besonderheit eher durch die Armut der Gemeinschaften, die diese kargen Böden bewirtschafteten. Es ist offensichtlich wirtschaftlicher, eine einzige Wand zu errichten als die vier Wände eines traditionellen Glockenturms).
Von der wilden Loire zum geheimnisvollen Gévaudan
Die Überquerung der Loire bei Goudet ist ein Höhepunkt dieser Etappe. Es ist noch nicht der gemächliche Fluss, der sich breit durch das Tal der Könige zwischen Orléans und Tours zieht. Hier wälzt die Loire ihre reißenden Fluten zwischen den hohen Klippen wilder Schluchten hindurch. Und die Ruinen des Château Beaufort, das auf einem Felsvorsprung thront, vervollständigen dieses wahrhaft Hugo’sche Bild. Ich verlängere den Zauber mit einem unmarkierten Abstecher, einem echten Vergnügen. Nach Goudet erzwang die Route bis Ussel zu viel Asphalt, während etwas abseits ein überaus idyllisches Tal wartete. Ein ewiger Graben zwischen Wanderern und Motorisierten. In der Bar von Goudet rieten mir die Gäste zur Landstraße, die mir die Steilheit und die Bäche auf dem Pfad ersparen würde. Können diese gestressten Autofahrer verstehen, dass der Wanderer den Weg selbst mehr genießt als das Ziel der Etappe?
Robert Louis Stevenson drückt es in seinem Buch Reise mit dem Esel durch die Cévennen viel schöner aus: „Ich für meinen Teil reise nicht, um irgendwohin zu gelangen, sondern um zu gehen. Ich reise um des Reisens willen. Die Hauptsache ist, in Bewegung zu sein, die Notwendigkeiten und Unbilden des Lebens hautnah zu spüren, das bequeme Bett der Zivilisation zu verlassen, den harten Granit der Erde und die scharfen Kieselsteine unter den Füßen zu spüren...“ Welch ein Glück also, durch das bezaubernde Tal der Fouragettes zwischen Cros Pouget und Ussel zu streifen und noch weiter, vor den Toren von Le Bouchet-Saint-Nicolas, vor diesem riesigen, von gelben Butterblumen durchsetzten Narzissenteppich in Verzückung zu geraten! Tagesetappe: 24 km.
Reicht es, daran zu glauben? Die Wettervorhersagen versprechen endlich eine dauerhafte Besserung... aber Le Bouchet-Saint-Nicolas ist in dichten Nebel gehüllt. Was soll's, ich setze auf die Sonne und krame meine Shorts aus den Tiefen des Rucksacks. Der Wanderführer beschreibt diese letzte Etappe des Velay als relativ eintönig. Was für ein Irrtum! Bis Landos ist die Überquerung der Hochebene zwar flach und fast geradlinig, aber welch eine Einsamkeit, welch eine Ruhe an diesem kühlen, nebligen Morgen. Ich überrasche sogar einen Fuchs, der mit seiner Beute im Maul in seinen Bau zurückkehrt. Wie er Reißaus nahm, als er mich bemerkte!
Hinter Landos geschieht das Wunder: Sie ist wieder da, die lang ersehnte Sonne! Genau zur rechten Zeit, um die weite Landschaft und den breiten Horizont in Szene zu setzen, den der Panoramapfad in Richtung des Naussac-Sees und der Anhöhen des Gévaudan ausbreitet. Es ist ein Rausch an Farben und Düften, ein blumiges Märchenland. Die Ginstersträucher teilen sich nun die Aufmerksamkeit mit den wogenden Narzissenteppichen; und dazu gesellen sich ganze Sträuße von Hahnenfuß, Vergissmeinnicht, Kornblumen... Meine botanischen Kenntnisse sind viel zu bescheiden, um diese bunte Blütenpracht genau zu benennen. Dieser frühlingshafte, fast sommerliche Tag erlaubt es mir endlich, auf dem Weg nach Pradelles gemütlich zu flanieren. In dem sonnenbeschienenen Städtchen genieße ich es, auf der Place du Foirail zu verweilen und ein schaumiges Bier zu trinken... während die eiligen Autofahrer dieses Pfingstwochenende beenden und im Gänsemarsch wieder in den Norden fahren. Als glücklicher Wanderer ziehe ich im Rhythmus meiner einsamen Schritte weiter gen Süden.
Der GR®70 verlässt Pradelles durch ein altes Viertel, das stolz auf seine heldenhafte Vergangenheit ist, und hält noch eine wunderschöne ländliche Passage bereit. Es ist sehr angenehm, diese frühlingshafte Etappe mit einem langen Abstieg an die Ufer des Allier abzuschließen, den ich schon seit Tagen aus den Augen verloren hatte. Ein weiteres Wiedersehen im Herzen des alten Langogne gilt der romanischen Architektur seiner Kirche, den harmonischen Steingewölben und den reich verzierten Kapitellen. Direkt daneben zeugen die monumentalen Markthallen (massive Säulengänge und Schieferdächer) von einer reichen Handelshistorie. Tagesetappe: 25 km.
Auf den Pfaden der Lozère in Richtung Ardèche
Die Schikanen eines Landwirts, der es bis zur Unverschämtheit trieb, auf seinem Land eine Wegemaut zu verlangen, machten eine Verlegung des GR®70 notwendig. Die neue Route begeistert mich jedoch kaum, und ich versuche trotzdem, Saint-Flour-de-Mercoire über das linke Ufer des Langouyrou-Bachs zu erreichen. In der Ziegenschlucht („Ravin des Chèvres“) zahle ich dafür Lehrgeld und muss mir im Gewirr der Viehpfade mühsam einen Weg bahnen. Und das, wo ich heute das Gévaudan betrete, das Land der Bestie! Jenes berühmte und rätselhafte Ungeheuer, das im 18. Jahrhundert drei Jahre lang die Dörfer terrorisierte, Frauen und Kinder riss, und das Stevenson als „den Napoleon Bonaparte unter den Wölfen“ bezeichnete! Dabei hat dieser Landstrich ein solches Monster gar nicht nötig, um sich einen Anstrich von Wildheit zu geben. Nach den weiten Horizonten des Velay-Plateaus und den Panoramen bis zum Mézenc und zur Margeride hüllt sich das Gévaudan in das Geheimnis dichter Nadel- und Birkenwälder sowie steiniger Heidelandschaften, die an Moore erinnern.
Nach L'Herm durchbrechen Sagne-Rousse, Fouzillac und Fouzillic kaum die Einsamkeit meiner Wanderschaft; nicht der Hauch einer Menschenseele ist bei der Durchquerung dieser spärlichen Weiler zu spüren. Ob der Wald lebendiger ist? Hier beobachte ich in aller Ruhe herumtollende junge Rehe, bis das wachsamste von ihnen ein raues Bellen ausstößt und die Flucht ergreift. Einzig Cheylard-L'Évêque wirkt in der Talsohle, umgeben von leuchtendem Ginster und dem Rauschen der Bäche, wie eine Oase. Gerne hätte ich meine Mittagspause in dem netten Bistro am kleinen Platz noch etwas ausgedehnt... Doch da kündigt ein Schild 4 zusätzliche Kilometer auf einer ohnehin schon sehr kurvenreichen Route an. Tatsächlich ist die Streckenführung dieser Etappe auf der Karte besonders verschlungen. Man könnte meinen, der Schriftsteller sei in äußerst ausgelassener Stimmung gewesen. Ich will mich nicht beschweren. Die Wanderung durch den riesigen Wald von La Gardille beschert einen Nachmittag absoluter Ruhe, gekrönt von einer letzten idyllischen Rast am Ufer eines kleinen namenlosen Sees, der sich zwischen den beiden Hügeln Auradou und Abïauradou versteckt.
Beim Abstieg nach Luc treffe ich wieder auf den Allier. Das Dorf zieht sich am Talhang entlang, unterhalb der Burgruine und einer imposanten Marienstatue, die Stevenson spöttisch auf „fünfzig Zentner Madonna“ reduziert! Tagesetappe: 27 km.
Gestern Abend grollte noch das Gewitter über den Höhen des Tanargue; heute Morgen ist der Himmel reingewaschen und verspricht eine strahlende Wanderung... abseits des GR®70. Zwischen Luc und La Bastide-Puylaurent, meinem heutigen Etappenziel, gibt der Wanderführer nämlich nur 7 km an, und die Markierung verläuft hauptsächlich im Tal entlang der Landstraßen D906 und D154... Ich habe zwar mittlerweile eine kleine Schwäche für den Allier entwickelt, aber nicht so sehr, dass ich dafür Asphalt schlucken und auf einen Abstecher in die nahegelegenen Berge der Ardèche verzichten würde. Dieser Umweg ermöglicht es mir außerdem, die Abtei Notre-Dame des Neiges zu besuchen, in der sich auch der schottische Schriftsteller einst aufhielt. So bleibe ich dem ursprünglichen Geist seiner Unternehmung treu.
Nur mit IGN-Karten im Maßstab 1:100.000 und 1:25.000 ausgestattet, hoffte ich, eine zuverlässige Route durch die Ausläufer der Ardèche zu finden. Stattdessen entdeckte ich ein perfektes Netz hervorragend markierter Wanderwege. (Nach dieser Wanderung stieß ich auf einen relativ neuen Wanderführer mit dem Titel „Von den Schluchten der Ardèche zur Margeride“. Er widmet sich hauptsächlich dem Verlauf des GR®4 zwischen dem Rhônetal und Saint-Flour. Doch er beschreibt auch eine Reihe von Nebenstrecken: GR®43, GR®44, GR®44A, GR®44B, GR®44C und GR®44D. Nicht weniger! Ganz zu schweigen von den regionalen Wanderwegen wie der „Tour de la Montagne Ardéchoise“. Insgesamt 208 Seiten voller Routen, nützlicher und spannender Kommentare... Material zum Träumen).
Der morgendliche Aufstieg in der bereits recht kräftigen Sonne ist ziemlich anstrengend. Aber solche Landschaften muss man sich verdienen. Ebenso wie das Vergnügen, durch den Buchenwald am Moure de Manibles zu wandern. Das Gebiet um das Croix du Pal, ein Knotenpunkt der Wege GR®7 und GR®72 sowie einiger lokaler Pfade, gehört zu den Orten, die die Sinne schärfen: vollkommene Einsamkeit vor einer grandiosen Kulisse mit Blick auf den Gipfel der Trois Seigneurs, die Borne-Schluchten und die Bergkämme des Tanargue. Das alltägliche Leben erscheint einem da plötzlich so belanglos... Der Zauber hält an den von Narzissen gesäumten Ufern des Rieufrais auf dem Weg zur Abtei Notre-Dame des Neiges an. Wir sind nur zwei Besucher, die in den gotischen Gewölben den Mönchen beim Singen der Non lauschen – ganz so wie im Tempel der Natur herrscht hier dieselbe zur Meditation einladende Stille... Warum also den Rückweg ins Tal überstürzen? Ich lasse die Markierungen links liegen und mache einen Umweg über den Gipfel der Felgère. Von seinem Kamm aus blicke ich auf das, was vor mir liegt: den Goulet-Berg und am Horizont den Mont Lozère... Es stehen mir noch herrliche Tage bevor. In La Bastide-Puylaurent, direkt am Ufer des Allier, befindet sich das Gästehaus L'Etoile; ein ehemaliges Ferienhotel, das von einem Belgisch-Griechen geführt wird. Ein tröstlicher Zwischenstopp mit einer gesunden und reichhaltigen Mahlzeit, einer ersehnten heißen Dusche und einem guten belgischen Bier. Tagesetappe: 18 km. Von Jean-Marie Maquet